Virtuell an der Praxis vorbeistudiert

Ende Juni teilte die neu zugelassene Digital Education Holdings Ltd. (DEH) mit Sitz auf Malta mit, dass sie einen Online-Studiengang einrichtet, der nach sechs Semestern mit dem „Bachelor of Medicine“ abschließt. Für Deutschland sind 75 Studienplätze vorgesehen, Kooperationspartner sind die Helios-Kliniken. Also drei Jahre studieren und – schwups – ist man fertiger (Bachelor-)Arzt? Ohne jemals einen Hörsaal von innen gesehen zu haben?

Der Meldung zufolge ist die akademische Plattform EDU der DEH auf Malta die erste digitale Ausbildungsstätte dieser Art weltweit. „EDU verbindet moderne digitale Didaktik mit einer intensiven fachpraktischen Ausbildung im Lehrkrankenhaus. Der medizinische Studiengang besteht aus einem dreijährigen Bachelor- und einem konsekutiven, zweijährigen Master-Studiengang in Humanmedizin – mit insgesamt über 5.500 Stunden theoretischem Unterricht und praktischer klinischer Ausbildung. Der Studiengang ist mit mindestens 300 ECTS [das europäische System zur Übertragung und Akkumulierung von Studienleistungen, Anm. der Redaktion] zertifiziert und erfüllt damit die europäischen Vorgaben“, heißt es seitens der Initiatoren.

Noch am selben Tag erteilte der maltesische Bildungsminister Evarist Bartolo der DEH die Zulassung als Hochschule – nicht als Universität, wohlgemerkt. Parallel dazu wird von der National Commission for Further and Higher Education der Mediziner-Bachelor der DEH innerhalb des Europäischen Qualifikationsrahmens akkreditiert.

Die DEH beschreibt sich selbst als „junges Unternehmen mit Sitz in Kalkara, Malta, mit Niederlassungen in Berlin, Bratislava und Prag“. Das Team besteht nach Angaben der Firma aus den Gründern und Führungskräften. Mit einem „breitgefächerten Ökosystem an Partnern“ baue man „auf europäische Traditionen ausgerichtete Studienprogramme“ auf, die die Absolventen „mit denen für das 21. Jahrhundert notwendigen Fähigkeiten ausstatten und ihnen dabei ein starkes Verantwortungsbewusstsein vermitteln“ sollen.

Statement von BZÄK-Präsident Dr. Peter Engel

„Irreführend, praxisfern und teuer!“

Dr. Peter Engel | BZÄK-Axentis.de

„Der ‚Bachelor of Medicine‘, der seitens einer von Deutschland aus gesteuerten, privaten Hochschule – mit Sitz in Malta – als digitales Studium angeboten werden soll, ist irreführend, fern jeden Praxisbezugs und teuer für die Studierenden. Das Angebot suggeriert Studienwilligen, die am NC gescheitert sind, mit einer Erstausbildung den Weg ins Medizinstudium zu ebnen – zu fürstlichen Preisen. Und das ohne Garantie auf Anerkennung der absolvierten Kurse, respektive des Bachelor-Abschlusses.

Denn die DEH ist bislang keine anerkannte medizinische Hochschule. Die Akkreditierung für einen weiterführenden zweijährigen Masterstudiengang, dessen Absolvierung für eine Approbation nach der EU-Berufsanerkennungsrichtline zwingend notwendig ist, steht noch aus. Da das digitale Angebot aus Malta also der bewährten Systematik der regulären Medizinstudiengänge in der EU widerspricht, ist damit die Rechtsunsicherheit erheblich.

Es stellt sich natürlich auch die Frage nach dem Sinn und nach der Qualität eines digitalen BA-Studiums in der Medizin. Ein virtuelles Studium kann keine ausreichende Vorbereitung auf die ärztliche – und natürlich auch zahnärztliche – Praxis leisten. Es fehlen der Patientenkontakt sowie der kollegiale Austausch, die über Praktika und Famulaturen vermittelt werden. Empathie und emotional-soziale Kompetenz erwirbt man nicht am Bildschirm. Interessenten sollten dieses Studienangebot hinsichtlich des angestrebten Studienziels „Ärztin“/„Arzt“ kritisch prüfen.“

Dr. Peter Engel,
Präsident der Bundeszahnärztekammer

Studiengang Bachelor of Medicine

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Einer der Partner aus diesem Ökosystem – die Helios-Gruppe mit Hauptsitz Berlin, die in einer Erklärung ihre Kooperation mit der DEH angekündigt hat: An der privaten Hochschule könnten langfristig bis zu 3.000 angehende Ärzte Medizin studieren. Für Deutschland seien zunächst 75 Studienplätze vorgesehen. Im Rahmen des Innovationsforums der Deutschen Hochschulmedizin Ende September hielt der Chief Medical Officer der maltesischen Bildungseinrichtung erstmals einen Vortrag in einem größeren Rahmen über das EDU-Konzept. Bundesärztekammer (BÄK) und die Deutsche Hochschulmedizin e. V. reagierten unverzüglich: „Ein virtuelles Studium macht noch keinen echten Arzt“, lautet das Fazit der kritischen Bewertung, der sich die Bundeszahnärztekammer (BZÄK) anschließt. „DEH und der Krankenhauskonzern bieten ein Studienmodell an, das ausschließlich internetbasierte Lerneinheiten mit praktischen Ausbildungsanteilen kombinieren soll“, heißt es weiter in der Stellungnahme. Hierzu liege bisher nur eine maltesische Akkreditierung für die ersten drei Jahre vor, die zum Abschluss mit dem Bachelor führen sollen. „Eine Zulassung als Ärztin oder Arzt ist damit nicht möglich. Die Akkreditierung für einen weiterführenden zweijährigen Masterstudiengang, dessen Absolvierung für eine Approbation nach der Berufsanerkennungsrichtline notwendig ist, steht noch aus.“ Da die DEH nicht als Universität zugelassen ist, sei eine Anerkennung der Abschlüsse in Deutschland gemäß Berufsanerkennungsrichtlinie, die für den Arztberuf ein Studium an einer Universität oder unter Aufsicht einer Universität vorschreibt, gegenwärtig nicht möglich. „Statt eines praxisorientierten, universitären Studiums unter Vermittlung von wissenschaftlich fundiertem Grundlagenwissen und einer Verstärkung praktischer Lehranteile findet hier ein im Wesentlichen online-basiertes Selbststudium von zu Hause statt“, bilanzieren die BÄK und die Deutsche Hochschulmedizin abschließend.

"Ein virtuelles Studium macht keinen echten Arzt"

Doch wie ist die Resonanz der Studierenden? Stand Mitte Oktober – bis zum 15. Oktober sollten alle Zulassungsbescheide versandt worden sein – gibt es laut EDU 45 Interessenten, wobei der Auswahlprozess inklusive Testverfahren und Interviews „noch läuft“.

Diese 45 Interessenten hatten zuvor ein dreistufiges Verfahren durchlaufen – und zwar komplett online: In Phase 1 startet die Onlinebewerbung mit einem biografischen Fragebogen und dem Nachweis, dass die formalen Kriterien für die Zulassung zu einer Hochschule erfüllt sind. In Phase 2 folgt der Onlinetest, der von der ITB Consulting GmbH durchgeführt wird und die Lernfähigkeit sowie die allgemeinen kognitiven Fähigkeiten anhand von mathematischen, verbalen und visuell-räumlichen Aufgaben misst.

„Der Test erlaubt es uns, die Eignung der Bewerber für das akademische Studium der Medizin nach objektiven Kriterien zu bewerten. Spezielle Kenntnisse sind nicht erforderlich“, begründet die EDU ihr Vorgehen. Laut Co-Founder Dr. Jürgen Laartz handelt es sich um einen spezifischen Potenzialtest für den Arztberuf: „Bei der Bewertung der Antworten spielt neben der Qualität der Antworten auch die Komponente Zeit eine Rolle.“ Die DEH kennt offensichtlich ihr Zielgruppe, jedenfalls gibt sie auf der Homepage noch diesen Hinweis: „Die Nutzung eines Handys eignet sich für den Test nicht.“

In Phase 3 erwartet die Bewerber ein „strukturiertes Vorstellungsgespräch“, durchgeführt von speziell geschulten Interviewern, „die die Motivation und Soft Skills unserer Kandidaten einschätzen“. Ziel sei, dass Bewerber und Hochschulmitarbeiter sich persönlich kennenlernen. Auch dieses „persönliche Kennenlernen“ findet im Übrigen über das Internet statt.

Als was kann man nach dem Studium arbeiten?

Die Inhalte des Onlinestudiengangs lesen sich wie solche herkömmlicher Humanmedizin. Dass zum Lernen nur Onlineplattformen genutzt werden, macht den „Bachelor of Medicine“ der EDU Malta besonders: 3D4Medical (eine dreidimensionale Anatomieplattform), Amboss (medizinische Wissensplattform) und Drawittoknowit (nachzeichenbare Videotutorials). Tutoren und Mentoren begleiten die Lerngruppen (mit je fünf Studenten). Auch die Tests werden online geschrieben und beaufsichtigt.